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Vereiste Nächte auf hoher See und Weihnachtsplätzchen

[von Tobias] Tag zwei auf dem Schiff. Gestern Abend hatte der Lovis-Käpt'n beschlossen, kurzerhand die Ostsee bei Schneesturm in der Nacht zu überqueren. Recht von Frost und Seekrankheit gezeichnete Klimapiraten haben sich die Nacht bei eisigen Wachschichten um die Ohren geschlagen.

Doch als wir heute morgen aufs Deck gestiegen sind, vor Anker zwischen Hiddensee und Rügen, offenbarte sich die ganze Schönheit der Ostsee: Nebelschwaden geistern über der zufrierenden Ostsee, durchstrahlt vom roten Sonnenaufgang. Die Petrine haben wir leider unterwegs verloren: Kleiner und mit weniger PS unter der Haube hängen die noch irgendwo bei Dänemark. Unser heutiges Etappenziel Stralsund war zugefroren, weshalb es in der Nordschleife um Rügen ging, nach Saßnitz. Dort angekommen zog erstmal ein Stoßtrupp los, um die Eierreserven wieder aufzufüllen. Der örtliche Pfarrer unterstützte das Vorhaben "Piratenplätzchen", und so kann's nunmehr ans backen gehen. Doch bei aller Schiffsfolklore haben wir den gescheiterten Klimagipfel nicht vergessen, und heute Abend in Saßnitz ist Zukunftsplanung angesagt: So einfach gehen uns die werten Staats- und Regierungschefs nicht durch die Lappen. Der Klimawandel geht weiter, und die Politiker müssen ein ernsthaftes Abkommen zustande bringen. Sie werden wieder von uns hören. Harr!

 [von Christian] Nachdem unsere 18-stündige Poweretappe gegen drei Uhr endete, übernachten wir also vor Hiddensee. Es gibt keinen Hafen der in Frage kommt, aber nachts bei Nebel wollen wir nicht mehr in die enge Fahrrinne von Hiddensee und nächtigen auf See. Meine Ankerwache beginnt um 6 Uhr.

Es gibt heute Sonnenaufgang auf dem Bodden, im vereisten Schiff eingehüllt in weissen Nebel. Wahnsinnig schön. Eine Möwe über mir, Harriet aus Australien mit mir an Bord, die erschöpfte Crew schlummert unter mir. Das Ankerlicht brennt, das Meer ist spiegelglatt. Das Schiff sieht aus, als wäre es aus einem Märchenfilm gefallen. Vorne ist es mit einer dicken Eisschicht überzogen, wie in Glas gegossen. Aus den Tauen sind eisige Säulen geworden, lange Eiszapfen hängen dicht an dicht und das Klüvernetz ist mit den Klüversegeln zusammengefrohren.

Nach dem Frühstück gibt es einiges zu tun. Wir befreien das Klüvernetz von der Eiskruste und bereiten es vor, den Anker zu lichten. Dazu müssen wir vor allem den fetten Eisbrocken von der Ankerkette losschmelzen und abbröckeln. Sonst passt sie nicht auf ihre Wicklung. Und solange der Anker nicht gelichtet ist, können wir nicht los. Mit Schiffshaken, heissem Wasser eimerweise und Hämmern rückt die Manschaft dem Eispanzer zu Leibe. Dabei schlittern wir über das glatte Deck bei jeder kurzer Entfernung.

Endlich ist es so weit: Abfahrt in Richtung des engen Fahrwassers von Hiddensee. Und zwar mit Aussicht auf Nebelschwaden statt auf Orientierungstonnen. Der Seerauch ist nämlich die ganze Zeit um uns. Mal mehr, mal weniger sieht die Umgebung wie eine Wolke von innen aus. Noch schöner finde ich, wenn die Wellenkämme zwischen dem Nebel zu sehen sind. Dieses Gesicht der Welt habe ich noch nie gesehen. Viele sind total verzückt. Irgend jemand sagt, wenn hier ein Wikingerschiff aus den Nebelschwaden auftauchen würde, wäre es gar nicht verwunderlich. Es würde prima in die Szenerie passen.

Wir rechnen mit drei Stunden Fahrtzeit und gemütlicher Ankunft in Strahlsund am frühen Nachmittag. Doch am Vormittag erreicht uns der Funkspruch, dass unsere Route von Eismatsch so verstopft ist, dass ein Schiff mit fünfmal so starkem Motor wie unserem kaum durchkommt. Für uns heisst das umdrehen und Pläne ändern. Darum drehen wir um und fahren in entgegengesetzter Richtung weiter. Unser Ziel ist Sassnitz, um die Nordküste Rügens, vorbei an Kap Arkona. Der Wind kommt von der Seite und wir segeln. Endlich. Und auch noch schnell.
Zum Abend erreichen wir den Hafen von Sassnitz und legen neben der Fischereifabrik an. Der Weg war weiter als gedacht, aber weil wir nicht mehr nach Süden konnten, hatten wir Gelegenheit trotz des Südwindes zu segeln.

Abends im Hafen war ein kleines Häuflein Backwilliger fest entschlossen, Plätzchen zu fabrizieren. 
Leider hatten wir am morgen alle verbliebenen Eier gekocht und dieses Rezept war ohne Ei nicht vorstellbar. Also hiess es, am Sonntag abend im Hafen, am Stadtrand eines ehemaligen Fährhafens auf Rügen, sechs Eier aufzutreiben. Dank eines ehemaligen Theologiestudenten auf Seiten der Crew und des örtliche Pfarrers lokalerseits war das einfacher als man denken könnte. Der vierte Advent ist aber auch ein ausgezeichneter Backtermin. Die Plätzchensession dauerte mit Teigfertigung, Motivdesign, Ausstechmaraton, durchwoben von Gedanken zur Zukunft des Klimapiratentums und bis zum Verkosten des Bruches vier Stunden. Verdächtigerweise waren unter dem Bruch unverhältnissmässig viele unkonventionelle Motive, während Sterne und Tannen meist intakt bleiben. Ob das an selektiver Vorsicht des Ofenbedieners – selber Theologieerfahrene – oder auf mechanische Vorteile bestimmter Plätzchenformen liegt, blieb an diesem Abend offen.

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