Rückblick auf Climate Shame: We shave our heads

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[von Johannnes] Eine „COP Flop“ Aktion hatten wir geplant, eine Protestaktion auf der Straße, mit der wir das drohende Scheitern der Klimakonferenz als solches benennen und beklagen wollten. Nun saß die Planungsgruppe für die Aktion nach dem Frühstück auf der Lovis zusammen, ein Mind-Map-Poster auf dem Tisch, auf dem Ideen entwickelt wurden, und suchte nach einem passenden Aktionssformat.

Die Zeit für Piratenklamauk und für genzwinkernde Theaterinszenierungen war vorbei. Viele von uns waren zutiefst frustriert über das immer wahrscheinlicher werdende Scheitern der COP. Frustriert, schockiert, hilflos, ärgerlich, wütend, verzweifelt – fassungslos. Fassungslos, weil so klar war, was die Regierungsvertreter hier in Kopenhagen beschließen mussten, um den katastrophalen Klimawandel zu verhindern – und weil immer unwahrscheinlicher wurde, dass es geschah. A shame! Shame einerseits als Schande der Regierungen, die hier in Kopenhagen versagt haben, wie auf schon so vielen Klimakonferenzen zuvor. Und shame andererseits als Scham für unsere Generation, die weiter anstatt umzusteuern die Zukunft ihrer Nachkommen ruiniert. Shame. Climate Shame. Und als drastischen Ausdruck dieses Gefühls würden wir uns demonstrativ die Haare abrasieren.

Und so geschah es dann. Am 18., dem letzten Tag des Klimagipfels, trafen wir um 9 Uhr vorm Konferenzgebäude Bella Center ein. Im Halbkreis nahmen die ersten 6 von uns auf Hockern Platz. JedeR bekam eine Schere, einen elektrischen Rasierer und ein Tuch für den Nacken. Vor uns trug jedeR ein Schild mit einem individuellen Statement, das erklärte, wie man die eigene Haarrasur verstanden wissen wollte: „COP 15 – I'm speechless about your false solutions“, „Shocked, affraid, outraged“, „Scared of ignorance“, „Be responsible“, „Transition“, „J'accuse“ usw.

Dann geht es los. Die Frauen greifen zunächst zur Schere, wir Männer schalten gleich die Rasierer ein und beginnen, uns damit durch die Haare zu fahren, zunächst etwas unbeholfen, aber bald fallen dicke Büschel zu Boden und das Haar auf dem Kopf wird dünner und weniger. Es ist seltsam sich umzuschauen und neben sich die halb geschorenen Köpfe der anderen zu sehen. Die Rasur dauert lange, 20 Minuten vielleicht und es entwickelt sich eine außergewöhnliche Stimmung: Unsere Gruppe ist umringt von Kameras, einige Journalisten beginnen uns Fragen zu stellen, während wir uns rasieren. Die Kälte sitzt inzwischen in allen Gliedern und sie beißt im Gesicht und auf der kahler werdenden Kopfhaut. Schneeflocken fallen auf den Boden, auf dem der Wind die Haarbüschel durcheinander wirbelt. Die Zuschauer scheinen betroffen und ergriffen. Eine Journalistin und ein COP-Deligierter, der stehen geblieben ist, haben Tränen in den Augen. Sich selbst den Kopf zu rasieren, fühlt sich gut an: es ist der richtige Ausdruck meines tief empfundenen stillen Protests. Aber die anderen zu sehen, vor allem die Frauen, auf deren Köpfen nur mehr eine fleckenhafte Glatze erscheint, das geht ins Mark, da stockt der Atem.

Nach unserer Gruppe kommt die nächste dran und dann wieder die nächste. Insgesamt haben sich 30-40 Leute den Kopf rasiert; mehr als die Hälfte davon nicht aus unserer Gruppe, sondern andere KlimaaktivistInnen, die sich mit dem Haarescheren als Ausdruck ihres Protests identifizierten und sich deshalb der Aktion anschlossen. Auch ein irischer COP-Deligierter gab sein Haupthaar her.

Ein starker, emotional intensiver Akt war das Ganze, der bei vielen von uns auch noch lange nachwirkte. Haare abrasieren: Rettet das das Klima? Nein. Konnten wir so noch Einfluss auf die Verhandlungen nehmen? Wohl kaum. Aber es war der authentische, demonstrative Ausdruck unserer Fassungslosigkeit und unseres Protests. Den Kampf in Kopenhagen haben wir verloren – aber erhobenen (und kahlen) Hauptes.